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Nazis im Netz: Die Angst vor dem Rechtsruck im Kinderzimmer

Youtube-Videos, Spiele-Streams, Foren aller Art: Wo Jugendliche im Internet sind, sind Nazis oft nicht weit. Doch was können Eltern tun, damit ihre Kinder rechten Rattenfängern nicht folgen?

Mainz/Stuttgart (dpa/tmn) – Glatze, Springerstiefel, grauenhafte Rockmusik: Wer das Wort «Nazi» oder «Rechtsextremer» hört, hat häufig noch immer dieses Bild vor Augen – dabei ist es längst überholt. Das macht es kompliziert für besorgte Eltern. Denn rechte Rattenfänger sind nicht verschwunden, nur besser versteckt, und das oft im Internet.

«Dort, wo sich Jugendliche versammeln, tauchen über kurz oder lang auch rechtsextreme Communitys und Inhalte auf», sagt Michael Hebeisen, Fachreferent für Politischen Extremismus bei Jugendschutz.net.

Müssen Eltern also Angst haben, dass ihr Kind still und heimlich vor Smartphone oder PC nach rechts abrutscht? Vom Musterschüler zum Nazi in drei Mausklicks? «Grundsätzlich besteht tatsächlich die Gefahr, dass sich Jugendliche und junge Menschen radikalisieren, auch im Internet – und zunächst unabhängig von der politischen Richtung», sagt Harald Schmidt, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes.



Offen für neue Weltanschauungen – auch von rechts

Allerdings ist eine Radikalisierung ein Prozess – kein Schalter im Kopf, der einfach umgelegt wird. «Wir reden hier vor allem über Jugendliche ab etwa 13 Jahren aufwärts», sagt Hebeisen. «Die sind ganz generell in einer Umbruchphase und damit auch offen für neue Weltanschauungen.» Das könnten auch rechtsextreme Ansichten sein. Und aus diesen bloßen Ansichten kann irgendwann sogar eine Radikalisierung werden – in Einzelfällen. «Ganz viele machen diesen Schritt aber auch nicht.»

Allein das Internet für ein solches Abrutschen verantwortlich zu machen, greift in aller Regel zu kurz, sagt Hebeisen. Das Phänomen des einsamen Wolfs, der sich isoliert und in aller Stille radikalisiert, sei – wenn es überhaupt existiert – extrem selten.

«Damit Jugendliche wirklich rechtsextreme Ansichten entwickeln, müssen sie nicht nur das entsprechende Angebot bekommen – sie müssen auch darin bestätigt werden», sagt Hebeisen. Bei diesen beiden Schritten, beim Angebot und bei der Bestätigung, kann das Internet aber durchaus eine Rolle spielen.



Nicht jeder Nazi trägt ein Hakenkreuz

Entsprechende Angebote finden sich fast überall: Nazis und Rechte gibt es auf den großen Plattformen wie Facebook und Twitter ebenso wie an spezielleren Orten: Erst Mitte Dezember 2019 sperrte die Spiele-Plattform Steam zum Beispiel gleich mehrere Nutzer und Gruppen mit einschlägigen Namen und verfassungsfeindlichen Symbolen wie dem Hakenkreuz.

In solchen Fällen ist glasklar, aus welcher politischen Richtung der Wind weht. Aber nicht immer ist rechtsextremer Schund gleich als solcher zu erkennen – viele Codes und Erkennungszeichen der Szene sind für Außenstehende kaum zu durchschauen. Und: Um auf solchen Schund zu stoßen, müssen Jugendliche gar nicht gezielt danach suchen. Das übernehmen die Algorithmen von Plattformen wie Youtube.

«Wir haben das mal untersucht» erzählt Hebeisen. «Es gibt auf Youtube kaum ein gesellschaftliches Thema, wo Sie nicht unter den ersten 20 Treffern Videos mit antisemitischen Inhalten haben.» Schülerinnen oder Schüler, die vielleicht nur für ein Referat über den Nahostkonflikt etwas wissen wollen, stolperten daher mit der Zeit fast zwangsläufig über problematische Inhalte.



Der Tabubruch als Türöffner

Ein weiterer Zugang zum rechtsextremen Kaninchenbau können Influencer aller Art sein. Das sind Hip-Hop- und Youtube-Stars ebenso wie Streamer. Diese führen auf Portalen wie Twitch eigentlich Computerspiele vor, sondern dabei aber auch mal rechte Parolen ab – oder flirten zumindest damit. «Oft ist das vor allem die Lust am Tabubruch, das ist jetzt gerade in Jugendkulturen nichts Neues», sagt Hebeisen. Die Hemmschwelle sei aber im Internet viel niedriger.

Die Konsequenz sind sogenannte Imageboards wie 4Chan und seine vielen, oft noch schlimmeren Ableger. «Da gibt es nichts mehr, was nicht gesagt oder gezeigt werden kann», sagt Hebeisen. Für viele Nutzer sei das vielleicht auch Rollenspiel, vermutet er. «Die vertreten im Internet dann Positionen, die sie im Offline-Leben nie äußern würden. Aber diese Communitys sind so groß, dass es kaum kontrollierbar ist, wer da was wie ernst meint.»



Das Netz als Spiegel der Gesellschaft

Solche Angebote können Jugendliche dann entweder auf rechte Ideen bringen – oder sie in diesen Ideen bestätigen, wenn sie diese irgendwo anders aufgeschnappt haben. Das Internet sei da nicht rechter oder weniger rechts als die Gesamtgesellschaft, sagt Hebeisen. «So wie sich die Grenzen des Sagbaren offline verschoben haben, ist das auch im Internet passiert – nur dass es dort noch weniger Gegenrede gibt.»

Ist der Jugendliche dann einmal gut in rechtsextremen Strukturen vernetzt, droht der Filterblasen-Effekt: Das Vorurteil wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. «Das kann tatsächlich eine verschobene Wahrnehmung der Realität auslösen, weil ich zum Beispiel nur noch Nachrichten über Probleme mit Ausländern erhalte», sagt Schmidt. «So lange, bis ich tatsächlich glaube, dass das eine riesige Bedrohung ist, was ja definitiv nicht der Fall ist.»



Kindern den Rücken stärken

Für Eltern ist es nicht ganz einfach, solche Entwicklungen zu erkennen. Wer seinen Kindern zuhört, sollte einen Rechtsruck aber mitbekommen, sagt Schmidt. «Es ist einfach wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern im Dialog bleiben», rät er. So hätten sie die Möglichkeit, Veränderungen früh festzustellen und zu reagieren.

«Eltern müssen sich für die Lebensrealitäten ihrer Kinder interessieren, das gilt auch und gerade für das Internet», ergänzt Hebeisen. Damit allein sei es aber noch nicht getan. Denn Rolle der Eltern ist es gerade bei Jugendlichen gar nicht so sehr, sie vor allem Bösen abzuschirmen. Das sei auch gar nicht nötig: «Jugendliche bewegen sich im Netz viel souveräner als ältere Generationen. Grundsätzlich sind sie sehr gut in der Lage, rechtsextremistische Inhalte zu erkennen.»

Eltern sollten ihren Kindern aber den Rücken stärken, damit sie gut gegenhalten können. «Dass man also die Zivilcourage, die man im realen Leben bei einem rechtsextremen Spruch in der Klasse zeigen würde, auch im Internet zeigt», erklärt Hebeisen. Ziel sei kein Diskurs mit Rassisten. «Aber es geht darum, so etwas nicht unwidersprochen zu lassen.»



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