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Papa soll kein Kumpel sein

Wenn Eltern mit ihren Sprösslingen befreundet sein wollen, sind Erziehungskrisen programmiert – zumindest solange die Kinder noch nicht erwachsen sind. Freunde sind miteinander auf Augenhöhe, Kinder und Eltern hingegen nicht. Das ist kein Unglück, im Gegenteil!
Bis in die 60-Jahre hinein war der Einfluss des Vaters auf die Kindesentwicklung so gut wie unerforscht. Erst als die Mütter begannen zu arbeiten holten die Forscher dies schnell nach

 

Die lieben Kinderlein legen mitunter wenig Wert darauf, lieb zu sein, und treiben ihre Eltern stattdessen zielsicher zur Weißglut. Mancher ertappt sich bei Sprüchen, die er selbst als Kind gehört und vor allem gehasst hat. Unter solchen Sprüchen, die verborgene Motive von Eltern deutlicher entlarven können, als ihnen lieb sein dürfte, gehört der folgende: „Bist du zu deinen Freunden auch so frech?“

Welche Haltung liegt solchen Aussagen zugrunde? Entscheidend ist nicht, dass Sohn oder Tochter ein ungehobeltes Benehmen an den Tag gelegt haben. Ginge es nur darum, könnten Eltern auch so reagieren: „Ich dulde nicht, dass du mir gegenüber solche Worte gebrauchst!“ Oder gefühlsbetonter: „Es verletzt mich, wenn du so etwas zu mir sagst.“ Bei Formulierungen wie der oben genannten scheint es eher um die Hoffnung oder Erwartung zu gehen, mit dem Kind eine Art von freundschaftlicher Beziehung führen zu können. Gäbe es diese Beziehung, so die unterschwellige Annahme, müsste das Kind eigentlich freundlicher reagieren.

Tatsächlich aber sind Eltern nicht die Kumpel ihrer Kinder, und das Gleiche gilt umgekehrt. In einer ruhigen Minute könnten sich Väter und Mütter zum Beispiel fragen: „Will ich meine Kinder lieben, oder will ich bei meinen Kindern beliebt sein?“ Beides gleichzeitig sei meist nicht möglich, erklärt der dänische Familientherapeut Jesper Juul, von dem diese entlarvende Frage stammt.

Zumindest solange sie selbst noch keine gestandenen Erwachsenen sind, wollen Kinder mit ihren Eltern nicht befreundet sein, sondern Rückhalt bei ihnen finden – auch in der Pubertät, wobei sie es in dieser Phase erfahrungsgemäß in der Regel nicht zugeben würden. Eltern wiederum müssen ihren Kindern zu deren eigenem Schutz und späterem Nutzen manchmal Einhalt gebieten, ihnen Dinge, Genüsse oder Handlungen untersagen, ihnen Stoppschilder vor die Nase setzen und sie anleiten, wo sie noch nicht selbst für sich sorgen können. All das machen Freunde nicht; sie geben allenfalls Ratschläge, und schon das kann heikel sein.

Anders ausgedrückt: Eltern und Kinder bewegen sich nicht auf derselben Ebene, so zugetan sie einander sein mögen. Auf Augenhöhe aber sollten Freunde sein, wie schon vor ungefähr zweieinhalb Jahrtausenden der chinesische Philosoph Konfuzius befand. Er empfahl: „Nimm dir den nicht zum Freunde, der dir nicht ebenbürtig ist.“

Mütter und Väter können sich damit trösten, dass ungezogenes Benehmen durchaus ein Zeichen dafür sein kann, dass der Nachwuchs ihnen vertraut. „Kinder und Jugendliche zeigen ihre wahren Gefühle in der Regel dort, wo sie sich am sichersten fühlen, also oft bei den Eltern“, sagt Marion Pothmann, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche in Hamburg. Die Beziehung zu Mutter und Vater drohe in der Regel „auch dann nicht verloren zu gehen, wenn das Kind sich unausstehlich zeigt“. Deshalb lüden Kinder „ihren Frust zu Hause ab und muten den Eltern mehr zu als ihren Freunden“. Selbstverständlich schmecke den Eltern das nicht, „denn sie hätten am liebsten ein positives und unkompliziertes Verhältnis zu ihrem Sohn oder ihrer Tochter“. Umso verständlicher ist ihre Enttäuschung darüber, dass ihr Kind ihnen manch böses Wort an den Kopf wirft oder auf andere Weise häufig anstrengend ist, während es Freunden „seine sonnige Seite präsentiert“, wie Marion Pothmann anfügt.

Der erwähnte, gekränkt klingende Elternspruch hat aber noch einen weiteren Aspekt. Da jedes Mädchen und jeder Junge in der Pubertät eine mehr oder minder große Wandlung durchläuft, müssen Eltern in gewisser Weise Abschied von einer seit Jahren vertrauten Sichtweise nehmen. „Wenn ein Kind in die Pubertät kommt, müssen die Eltern es ein Stück weit loslassen“, sagt Marion Pothmann. Dadurch komme „bei manchen von ihnen Trennungs- und Verlustangst auf, was sich in dem Wunsch äußern kann, nicht durch Freunde des Kindes abgelöst zu werden, die nun immer wichtiger werden“.

Natürlich wollten die allermeisten Eltern nicht, dass ihre Kinder keine Freundschaften pflegen und stattdessen weiterhin mit Vater oder Mutter ins Kino oder ins Schwimmbad gehen. „Doch manche Eltern würden insgeheim am liebsten weiterhin die wichtigsten Vertrauten ihres Kindes bleiben, und bei einigen ist deshalb unbewusst auch Neid auf die Freunde ihrer Kinder mit im Spiel“, erklärt die Psychotherapeutin. Es kann schon helfen, sich das einzugestehen. Schließlich sind alle nur Menschen.

Ohne respektlose oder verletzende Frechheiten schönreden zu wollen – Eltern täten nach Ansicht von Erziehungsexperten gut daran, auch bei einem Kind, das ab und an über die Stränge schlägt oder sich im Ton vergreift, bestimmte Seiten zu fördern und zu würdigen. „Du kleiner Frechdachs“, sagen manche Eltern, wenn sie gut gelaunt und gelassen, womöglich sogar ein wenig stolz auf ein keckes Kind reagieren. Immerhin redet es nicht fade und angepasst daher, sondern zeigt sich selbstbewusst und testet seinen Grenzen aus. Dies ist nötig, um daran zu wachsen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, was gerade noch zulässig ist und wo verletzendes Verhalten beginnt. Im germanischen Sprachraum bedeutete frech einmal so viel wie „gierig“, wandelte sich später aber einerseits zu „wild“, andererseits zu „kühn“ oder „tapfer“. Erkennbar ist das noch am schon erwähnten Frechdachs. Ein Dachs attackiert auch kräftigere Feinde, wenn sie in seinen Bau eindringen, vor allem dann, wenn er dort Jungtiere hütet. Und das imponiert Menschen.

Gegen Mut aber sollte auch bei Kindern nichts einzuwenden sein. Dennoch neigen manche Erwachsene dazu, aufmüpfige Kinder als freche Gören im Sinne von „böse“ oder „schwierig“ zu bezeichnen, und tun ihnen damit nicht nur Unrecht, sondern auch nichts Gutes. „So lernen Kinder, dass Aggression, dass Lebendigkeit unerwünscht ist“, urteilt die Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast. „Statt lebendige Kinder erziehen wir dann depressive, ängstliche.“

So verstanden, ist es also nichts Schlimmes, frech zu sein, wenn gewisse Schranken gesetzt und mit der Zeit immer besser beachtet werden. Gut also, wenn Familien die Emotionen eines Kindes zulassen: nicht nur das Lächeln, das Gurren und die glucksende Freude, sondern auch Wut und Zorn. Familien, die so verfahren, müssen „mehr Konflikte lösen als eine Familie, in der alles so sauber und klar geregelt ist“, räumt Verena Kast ein. Dafür aber lernten die Kinder im günstigen Fall, „wie man Konflikte löst“.

Zudem könne man in einem für Emotionen offenen Elternhaus „nicht regieren, da muss man miteinander versuchen, die anstehenden Problem zu lösen“. Es geht oft laut und deftig zu in solchen Familien, hier tobt das pralle Leben. Viel leichter zu beherrschen als freudige und lebendige Menschen sind traurige und frustrierte, was Machtbewusste auf der steten Suche nach ergebener Gefolgschaft gerne ausnutzen. Wem die Risiken übermäßiger Anpassung bewusst sind und wer deshalb versucht, seinen Kindern zwar Grenzen zu setzen, aber keine Fesseln anzulegen, schärft im Guten ihren Widerstandsgeist. Davon kann auch eine streitbare Demokratie profitieren.

Wie Fachleute deutlich machen, ist Aggression ein häufig missverstandenes Wort. Tatsächlich sei Aggression schon für kleine Kinder unerlässlich. Ohne sie würden diese es niemals wagen, sich bei passender Gelegenheit von der ebenso geliebten wie überlebenswichtigen Mutter abzuwenden, um ein Stück weit in die Welt hinauszukrabbeln, und zwar buchstäblich aggressiv. Dieser Ausdruck geht auf das Lateinische zurück und bedeutet dort so viel wie etwas in Angriff nehmen, auf etwas zuschreiten, etwas versuchen oder beginnen. Ohne solche Angriffslust bliebe vieles ungetan – auch viel Gutes.

Gelegenheiten für Konflikte zwischen Eltern und Kindern gibt es im Alltag zuhauf, zum Beispiel auf dem Spielplatz. So kann es passieren, dass Eltern der Meinung sind, ihr Kind habe genug gespielt, und ein Zeichen zum Aufbruch geben. Möglicherweise bekommt das Kind auch einen Satz wie diesen zu hören: „Kommst du bitte, wir gehen nach Hause!“ Unter Umständen begehrt das Kind auf, beginnt zu weinen, stampft wütend mit dem Fuß auf und schreit: „Ich will nicht gehen, ich will noch spielen!“ Immer wieder kommt es vor, dass solche Situationen am Ende zu Elternaussagen wie dieser führen: „Eben habe ich dich beim Papa noch so gelobt dafür, wie brav du heute gewesen bist, und jetzt hast du alles wieder kaputt gemacht!“

Was lernt das Kind aus solchen Aussagen? Es erfährt, dass Wut etwas Übles ist. Vor allem aber lernt es, dass es seine Eltern enttäuscht, wenn es nicht lieb und artig ist. Und enttäuschen wollen jüngere Kinder ihre Eltern um keinen Preis, denn sie brauchen ihre Liebe unbedingt, weil sie davon abhängig sind.

Wenn es ganz ungünstig läuft mit dem Kind, wird es künftig nicht mehr aufstampfen und nicht mehr ganz so laut schreien. Reagieren Eltern in ähnlichen Situationen immer wieder in ähnlicher Weise, nämlich betrübt über das als ungebührlich oder wild empfundene Verhalten des Kindes, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem jungen Menschen mit eigenem Willen ein sehr angepasster Mensch wird. Womöglich wird er sein Leben lang Probleme mit aggressivem Verhalten haben und das möglicherweise auf den eigenen Nachwuchs übertragen. Wer selbst nie aufmüpfig werden durfte, zieht vermutlich fügsame Kinder vor.

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