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Meine Mutter, die Sau

Beschädigte Kinderpuppen

Nicht für jeden ist der Muttertag ein Feiertag – etwa für ein misshandeltes Kind. Einblick in eine Welt voller Hass auf die eigene Mutter.

Von Lars Langenau

Balthasar Müller* wächst mit mehreren Geschwistern unter ärmlichsten Verhältnissen auf. Seine Mutter ist extrem gewalttätig und misshandelt ihn bereits im Kindergartenalter. Die Gewaltexzesse haben sich tief in seine Seele eingebrannt. Sein Tagebuch wird zum Rettungsanker. Ein Auszug:

“Ich fühle mich schlecht. Warum? Schlecht fühlen, was ist das eigentlich? Dass mein Bauch mich drückt, dass ich nicht weiß, wohin mit meinen Gefühlen. Mir fehlt ein Gesprächspartner. Was fühle ich eigentlich?

Ich würde mich gerne bei jemandem ausweinen und weiß nicht, warum. Jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, fällt mir diese Szene wieder ein, die mir zurzeit immer einfällt, wenn ich an meine Mutter denke.

Ich bin zehn oder elf Jahre alt. Es ist ein schöner Nachmittag und ich fahre mit meinem Fahrrad immer um den Häuserblock herum, als mich meine Mutter ruft und sagt, ich soll Mondamin einkaufen. Es ist Nachmittag und sie braucht das Zeug erst am nächsten Tag und ich rufe ihr zu: ‘Ich habe jetzt keine Lust’, weil ich abends sowieso immer Milch holen muss, und fahre einfach weiter.
Wahnsinn in den Augen meiner Mutter

Nach einer Weile gehe ich mit meinem Vater in den Keller, um ihm dort bei irgendetwas zu helfen. Plötzlich kommt meine Mutter in den Keller. Sie stößt einen unkontrollierten Wutschrei aus. Der Wahnsinn spiegelt sich in ihren Augen, sie packt einen Besen, der an der Wand lehnt, und schlägt damit zu.

Wenn ich das so aufschreibe, bekomme ich einen Weinkrampf. Ich spüre noch heute richtig ihre Schläge, auf Rücken, Kopf und Unterschenkel, und auf die Arme, die ich schützend vor meinen Kopf halte.

Der Besenstiel geht zu Bruch, sie packt eine Hälfte und schlägt damit noch wütender auf mich ein, bis das Stück in lauter kleine Teile zerbrochen ist, die zum Zuschlagen zu klein sind. Dann packt sie die andere Hälfte des Besenstiels und schlägt weiter wie besinnungslos auf mich ein, bis auch dieses Stück in kleine Teile zerbrochen ist.

Die Erinnerung an meinen Vater setzt in dem Moment aus, wo diese Sau von Mutter auf mich eindrischt. Er hat mich nicht verteidigt, das Schwein. Von diesem Zeitpunkt an wusste ich, dass ich allein auf der Welt bin und mir niemals jemand helfen würde, egal was mir passiert. Abends habe ich mich dann ins Bett verkrochen, einen Hass und eine Wut und meine Schmerzen im Bauch, und mir vorgenommen, nie wieder zu weinen.

Suizid wäre ungerecht gewesen

Ich weiß noch, dass sie mich insgesamt dreimal mit einem Besenstiel verprügelt hat, das war das dritte Mal. Das erste Mal war so im Alter von fünf bis sieben. Soweit ich mich erinnere, sollte ich abends meine Spielsachen aufräumen und zum Essen kommen. Ich verneinte, weil ich einfach mal wollte, dass mir meine Mutter etwas erklärt, mal mit mir redet. Stattdessen stieß sie einen Wutschrei aus, packte einen Besen und schlug mich damit grün und blau. Ein Kochlöffel war offenbar nicht mehr Strafe genug, es musste etwas Härteres sein.

Ich wollte nur, dass meine Mutter mit mir redet, und wurde deswegen von ihr zusammengeschlagen. Danach habe ich mich voller Angst oft gefragt, wann es denn so weit sein wird, dass sie mich ganz tot schlägt und nicht nur halb. Ich hatte eine solche Angst vor dem Tod. So habe ich meine Kindheit in Erinnerung. Als eine niemals enden wollende Gewaltorgie. Ich wurde permanent geschlagen.
Der Fischer und seine Frau

Ihr zu widersprechen oder gar sich gegen sie aufzulehnen, war für meine Mutter das schlimmste Verbrechen, das ein Kind begehen konnte. Als ich so zwischen sieben und zehn Jahre alt war, hat mich meine Mutter oft mehrmals die Woche fürchterlich geprügelt, hat so ungefähr zwanzig Kochlöffel auf mir zerschlagen, dazu die drei Besenstiele und die gar nicht mehr zu zählenden Ohrfeigen und Schläge und Misshandlungen mit der bloßen Hand. Mein Vater peitschte mich mit dem Ledergürtel aus, wenn meine Mutter es verlangte. Er war wie aus dem Märchen “Der Fischer und seine Frau” entsprungen. Er tat alles für sie und sie war immer unzufrieden.

Durch meine vielen Schwestern waren immer pubertierende Mädchen im Haus. Wenn sie zu Hause von anderen Jungen oder Mädchen erzählt haben, etwa ein Pärchen habe sich getrennt oder ein Mädchen sei schwanger, war der Standardkommentar meiner Mutter: ‘Die Männer sind alle Schweine.’

Das hat sie oft auch in Anwesenheit meines Vaters gesagt, ohne dass er ihr jemals ins Wort gefallen wäre und sich das verbeten hätte. Ich habe diesen Spruch in meiner Pubertät so oft gehört, dass ich für mich daraus den Schluss gezogen habe, dass die männliche Sexualität irgendwie schweinisch ist. Und die Frauen sie nur einem höherem Zwecke wegen, nämlich der Fortpflanzung, über sich ergehen lassen. Ich wollte vor allem kein Schwein sein.

Meine Schwestern schlossen mich aus ihrer Gemeinschaft aus oder hänselten mich. Niemandem konnte ich irgendetwas recht machen. Ich hatte niemanden, dem ich mein Leid klagen konnte, bei dem ich mich mal ausweinen konnte. Alles schreckliche, was mir passierte, musste ich runterschlucken, in mir vergraben und mit mir rumtragen. Ich war völlig allein, absolut einsam und total verloren auf dieser Welt. Das Leben war für mich einfach unerträglich.
Emotionale Eiseskälte

Mein Zuhause war gefüllt mit emotionaler Eiseskälte, angereichert mit der nackten und rohen und zügellosen Brutalität meiner Mutter. Um den Schmerzen ein Ende zu bereiten, wollte ich mich vor einen Lastwagen werfen. Dann wäre wenigstens alles vorbei.

Doch dann las ich der Zeitung von einer Frau, die von einem Lastwagen überfahren worden war, überlebte – und den Rest ihres Lebens ein Pflegefall war. Im Rollstuhl oder bettlägerig wäre ich ja dieser Furie von Mutter und ihrer Gnade und ihren Launen völlig wehrlos völlig ausgeliefert gewesen und hätte nicht mal mehr theoretisch weglaufen können.

Der Zeitungsartikel hat mich verzweifeln lassen und ich habe mir panisch überlegt, wie ich es anstellen könnte, damit mir so ein Schicksal erspart bliebe.

Die katholische Kirche hat mich davon abgehalten. Diejenige katholische Kirche, der ich nicht mal angehörte. Ich hatte irgendwo gelesen, dass nach ihrer Meinung Selbstmörder in die Hölle kommen. Zuerst schob ich den Gedanken beiseite nach dem Motto: Das trifft für mich als Protestant gar nicht zu.

Aber so hundertprozentig sicher war ich mir nicht. Was, wenn die katholische Kirche doch recht hatte? Nun war mein Leben schon die Hölle auf Erden und weil ich diesem Leben entfliehen wollte, sollte ich noch als Strafe dafür für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren? Das fand ich höchst ungerecht – und das hat mich letztendlich davon abgehalten, mich umzubringen.

Kurz vor dem Tod meiner Mutter vor zwei Jahren habe ich erfahren, dass sie Borderlinerin war. Das ändert aber nichts daran, dass ich meine Kindheit als KZ betrachte: Ich war unberechenbarer, grenzenloser und völlig willkürlicher Gewalt ausgesetzt. Von einer psychisch kranken Frau.”

(Quelle: SZ )

 

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